Tempelhofer Requiem …
Donnerstag, Oktober 30th, 2008Das wars dann also. Die gehirnamputierten Polit- und “Wirtschaftlichkeits”-Heinis haben sich mal wieder, wie viel zu oft, gegen jeden gesunden Menschenverstand mit ihrem Schwachsinn durchgesetzt und heute ist der traurige Abschied von einem Monument der Luftfahrtgeschichte. Der älteste Flughafen des Planeten wird geschlossen, weil die Frau Bürgermeisterin W. und ihre Konsorten das so besser finden, damit sie den Hirnriss in Schönefeld dann angeblich besser finanzieren können, und natürlich damit der schlimme Fluglärm, die eklige Abgasbelastung und die böse Gefahr durch potentiell täglich vom Himmel fallende Flugzeuge über der Innenstadt ein Ende haben.
Erstens: Angesichts der aktuellen Lage halte ich es für absurd, überhaupt noch zu glauben daß die Fliegerei der Massen wie gewohnt weitergeht. Malle adé, würd ich mal voraussagen, mindestens aber wird die Billigfliegerei wohl recht bald der Vergangenheit angehören. Dennoch bin ich der Meinung daß Tempelhof offen hätte bleiben sollen. Erstens wegen der Geschichte, dann wegen der Tatsache, daß jede Großstadt und sämtliches reiches Lumpenpack der Erde froh wäre sowas wie Tempelhof als Flughafen mitten in der Stadt zu haben und aus dem Flugzeug quasi direkt in die Strechtlimo innerstädtische U-Bahn umsteigen zu können. Zumindest für die kleineren Flugzeuge, Geschäftsleute, Inlandsflüge ist Tempelhof ideal, ich hatte das große Glück, noch von dort fliegen zu können und es war unbeschreiblich, gegen dieses grandiose Erlebnis, mitten aus Berlin zu starten und mitten in der Stadt zu landen kann kein anderer Flughafen anstinken, und sei er auch noch so riesengroß und hypermodern abgefahren.
Zweitens: Nebenbei haben wir inzwischen ein Ölproblem, auch wenn der komplett ölabhängige “reichere” Teil der Menschheit in den Industrienationen, deren Mainstream-Wissenschaft und die Politik ebenda noch so tun als sei das Thema Peak Oil mit all seinen möglichen üblen Auswirkungen gar nicht existent und ein Hirngespinnst von “Weltverschörungstheoretikern” und “Untergangspropheten”. Ohne Öl nix Flugzeug, oder so. Zumindest bislang nicht. Hoffen wir auf den Erfindungsgeist der Menschen und auf schnelle Entwicklungen.
Drittens: Klar haben wir ganz andere Probleme derzeit. Klar, fliegen ist Luxus. Und umweltschädlich. Und all das, was man weiters noch kritisch anmerken kann … und dennoch, die ganze Art und Weise wie diese Schließungsentscheidung gelaufen ist kotzt mich an. Die teils völlig abwegigen wirtschaftlichen und stadtentwicklungsbezüglichen Erklärungsverlogenheiten der Politik sind mindestens so dumm wie Schweinescheiße. Hauptsache der Laden ist endlich dicht und die für viele Interessen viel gewinnträchtigere Situation in Schönefeld kann sauber und ohne Angst um die reiche Pfründe laufen wie geplant und intern abgesprochen. Durchschaubarste Polit-Klüngelei, Lobbyismus vom Feinsten, verlogenes Mediengewäsch und himmelschreiende Ignoranz gegenüber Volkes Meinung und Rechte würde ich das nennen, aber das wiederum ist ja nun wahrlich nichts neues in diesem Land, und insbesondere auch in dieser großen Weltmetropole.
Ach je. Man könnte noch endlos weiterzetern darüber, das Für und Wider darlegen und sich uffrejen bis zur Weißglut. Hilft ja nur leider nüscht. Ich sehe schon die Graffiti, das Unkraut, den Dreck, die Verwahrlosung dort. Große Pläne, scheißteure Architektenträumereien, viel dummes Expertengelaber, überspannte Projekte von Werbefuzzis mit zuviel Koks im Kopp und tollen Ideen mit vielen nervtötenden Anglizismen, wunderschöne Computersimulationen und Plakatstellwände von “so würde es aussehen wenn” und am Ende die Brache, weil das in Berlin wegen seit Jahrzehnten grassierender schlimmster Provinzialität so üblich ist, und weil die Welt leider im Herbst 2008 pleite gegangen ist und ein globaler Systemkollaps weitere neureich-dämliche Illusionen von typisch Neuberliner schicki-schicki Apartements (Dachterasse, “Doorman”, Videoklingel, Eichendiele, offener Kamin, Edelstahlküche, Natursteinbad etc. pp.) und langweiligsten Parkanlagen, womöglich noch mit Sicherheitsdienst, verhindert hat.
Da werd ich mich heute Abend mal hinbewegen und ‘ne Runde traurig sein mit all denen, die da auch sein werden und doch nix ändern können an der Zeit und ihrem Lauf. Paar Foddos machen, vielleicht, wenn das Wetter mitmacht, ist ja scheißenkalt und verregnet hier gerade.
Irgendwie wird das immer weniger schön hier. Berlin war mal sehr anders … lange her.




