Wenn ich “Volksentscheid” höre, dann denkt sich mein altmodisches Hirnkaschtl daß das irgend etwas mit einer Entscheidung des Volkes zu tun hat. Und da ich ein Kind der alten BRD bin, habe ich noch gelernt, daß das Volk der Souverän sei und gehe in einfältigem Glauben an das Gelernte davon aus, daß Entscheidungen des Souveräns bindend wären.
Weit gefehlt!
Erstens: Der Volksentscheid steht, so habe ich mich belesen, rechtlich auf einer Stufe mit einer Resolution des Berliner Abgeordnetenhauses, der Volksvertretung (Laberbude) dieser durchgeknallten Stadt, und zweitens ist er ja auch gar nicht bindend für irgendwen oder irgendwas …
Da stellt sich mir dann schon die Frage, wozu dieser ganze Affentanz eigentlich veranstaltet wird, der die Steuerzahler wohl Unsummen kostet. Diese Steuerzahler nun wiederum dürfen zwar “Ja” oder “Nein” sagen, aber bei dieser Meinungsbekundung wissen sie bzw. sollten sie wissen, daß ihre werte Meinung nichts weiter bedeutet, da sich niemand danach ausrichten muß.
Ich frage mich also was dieser ganze Popanz tatsächlich soll!
Will etwa die CDU-Opposition hier versuchen mithilfe dieser absurden, pseudodemokratischen Veranstaltung den Senat massiv zu beschädigen, Wowereit logischerweise natürlich auch um baldigst wieder an die Macht zu kommen, betreffs deren verantwortlicher Ausübung sie in dieser Stadt mehr als deutlich ihre völlige Unfähigkeit dokumentiert hat?! Denkbar ist das durchaus, ja, es liegt mehr als nahe … klassische Manipulation unter Zuhilfenahme von z.B. Emotion (Rosinenbomber-Erinnerungen, alte Insel-Identität, Westberlin-Nostalgie) und Stolz (Metropolen-Selbstbild angesichts piefigster Realität der Stadt, ältester Flughafen der Welt usw.) auf gar nicht mal so niedrigem Niveau. Man muß die Sau erst eine Weile treiben, bevor man sie schießen kann … ich bin gespannt, was aus diesem Schmierenstück um Tempelhof noch wird.
Im Übrigen: Ich mag ja Tempelhof sehr und halte eine Schließung des ältesten Flughafens dieses Planeten für ausgemachten typisch Berliner Schwachsinn, zumal man den Laden durchaus sinnvoll betreiben kann, wenn man nur will. Sei es als elitärer Regierungsflughafen für unsere Bonner Bonzen, sei es für die kleineren Fluggesellschaften fürs bessere Lumpenzeug, die geschäftlich innerdeutsch fliegen. Und meine Erfahrung ist, daß es ja auch so nett ist, in fünf Minuten mit der U-Bahn zum Flug zu kommen (in fünf Minuten kann man die Irren um einen herum grade noch so einigermaßen ignorieren) anstatt sich eine dreiviertel Stunde im ungepflegten Regional”express” oder eine Stunde in der versifften S-Bahn durch östliche Depressionsgebiete nach Schönefeld rauszuquälen, um dort dann das Gepack vom heruntergekommenen, nach Billig-Currywurst und ranzigem Frittenöl stinkenden Bahnhof ohne Rolltreppen einen Kilometer windumtost über einen bissi auf Schick gemachten holprigen Trampelpfad mit Halbüberdachung ans Terminal mit Großgaragen-Ambiente zu schleppen. Grandiose Weltstadt! Wenn man wollte, ginge wohl manches. Allein, man will nicht (dafür hat übrigens vor allen Anderen die CDU gesorgt) und versteift sich auf den Hirnriss BBI, träumt vor sich hin von Metropole und Wichtig dieweil Frankfurt und München längst genau das sind: Zwar keine Metropolen, aber immerhin wichtig im internationalen Flugverkehr, während man sich hier in Berlin-Tegel angesichts der piefigen Siebziger-Architektur und der Enge in einem siebtklassigen Provinznest wähnt … irgendwie haben die Verantwortlichen noch immer nicht kapiert daß sie an Berlin herumschustern können so lange sie wollen, die guten alten Zeiten der Weltmetropole sind reichlich lange vorbei, da hilft es auch nichts, daß Berlin bei der internationalen Jugend als “Hip” gilt und in Prenzlberg, Friedelhain und Mitte so abgefahrenes Zeuch passiert und man kulturell so (gedachtermaßen) “Top” ist … bis BBI (Berlin-Brandenburg International) endlich steht, bis alle zu erwartenden Verzögerungen, Anwohnerproteste, Klagen usw. durch sind haben Frankfurt und München und andere europäische Städte den ohnehin schon verteilten Kuchen längst gefressen, und wir wahrscheinlich dreimal Peak Oil mehr als spürbar erreicht und gar keine Möglichkeit mehr fürn Appel und ‘n Ei nach Malle oder Granne zu fliegen … sich angesichts einer weltweit deutlich spürbaren Rohölverknappung- und Verteuerung nebst u.A. daraus resultierender massiver Lebensmittelkrise am Horizont, ohnehin stetig und rapid’ steigender Preise und wachsendem Verfall der Demokratie vermittels Aushöhlung dank Terrorismusirrsinn nebst dadurch gerechtfertigter Totalüberwachungsmanie darüber zu fetzen ob ein von steuerbefreitem Kerosin abhängiger Flughafen offen bleiben oder geschlossen werden soll grenzt ans Irrationale …
Ich liebe Schachtelsätze.
Und werde trotz meiner durchaus positiv-nostalgischen Haltung zu Tempelhof nicht zu dieser sinnlosen Abstimmung gehen, da ich mich als mündiger Bürger so ungern völlig für blöd verkaufen und mißbrauchen lassen mag. Da mach ich lieber ‘ne Radtour durch die große wichtige bedeutende Metropole Berlin mit ihren aufregenden zukunftsweisenden Themen …